„Lebendige Partnerschaften in unserer Region – was kann die Zivilgesellschaft dafür tun?“

Das zweitägige 27. Deutsch-Polnisches Seminar am 16./17. 11. 2019 in der Hansestadt Greifswald war außerordentlich inhaltsreich. Es bot eine Fülle von Informationen für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der gut besuchten traditionellen Begegnungsveranstaltung. Das hat den Nachteil, dass in einem relativ kurzen Bericht nicht alle Facetten der Vorträge und der Diskussionen wiedergespiegelt werden können. Deshalb kann man sich nur auf einige ausgewählte wichtige Schwerpunkte beschränken.

Foto: Europa-Union Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Foto: Europa-Union Mecklenburg-Vorpommern e.V.

Nach den eröffnenden Einführungen durch die Leiter der veranstaltenden Partner (Bildungsring Europa der EUD-MV und Koszalinskie Towarzystwo Spoleczno Kulturalne – KTSK) war der erste Tag des Seminars insgesamt der Entwicklung der Städtepartnerschaften und den Aktivitäten verschiedener Vereine gewidmet. Orientierend wirkten in diesem Sinne die Grußworte des Oberbürgermeisters der Universitäts- und Hansestadt Greifswald, Dr. Stefan Fassbinder, sowie des Leiters der Politischen Abteilung der Botschaft der Republik Polen in der BRD Bogdan Janowski.

Im Anschluss stellte der Landesvorsitzende der EUD-MV „Einiges Grund-sätzliches zu Partnerschaften“ vor. Er hob besonders folgende Aspekte hervor:
1. Der Verein der EUD ist eine wesentliche Basis für europäische Begegnungen.
2. Schwerpunkt aller Kontakte muss die Pflege der menschlichen Kontakte sein.
3. Voraussetzung ist immer das aktive ehrenamtliche Engagement der Bürger. Auf dieser Basis wurden die folgenden Vorträge sehr detailreich. Die zum Teil schon jahrzehntelangen Partnerschaftsbeziehungen zwischen den Städten Greifswald, Szczecin und Golenów, zwischen Neubrandenburg und Koszalin sowie zwischen Neustrelitz und Szczecinek wurden von hochrangigen Vertretern der jeweiligen Stadtverwaltungen in lebendigen Ausführungen vorgestellt.

Daran schlossen sich Vorträge zu spezifischen, aber auch gleichzeitig übergrei-fenden Fragen der Realisierungsmöglichkeiten von Städtepartnerschaften an. Der Leiter der zuständigen Kotaktstelle, J. Butt-Posnik, referierte über das „Förderprogramm Europa für Bürgerinnen und Bürger“, das neue Möglich-keiten für Gemeinschaftsprojekte für Städte im europäischen Raum bietet. Seine Ausführungen wurden vom Projektleiter „perspektywa“ der Regionalen Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie Mecklenburg-Vorpom-mern, Nils Gatzke, ergänzt, der konkret aufzeigte, wie beiderseits der Oder die Entwicklung „Vom Grenzzaun zum Begegungsraum“ trotz durchaus vorhan-dener Mängel erfolgreich fortschreitet. Danach stellte der Leiter des Vereins „Latücht – Filme & Medien“ aus Neubrandenburg, Holm Hennig-Freier, ein lang-jährig existierendes „Partnerschaftsprojekt der besonderen Art: Das Europäische Filmfestival dokumentArt/Film & future“ vor.

Eine anschließende Podiumsdiskussion widmete sich der Suche nach Antworten auf die Frage „Was können Partnerschaften leisten und wie können sie zur Stärkung der Regionen beitragen?“ Es informierten und diskutierten u. a.: MdL P. Dahlemann, Parlamentarischer Staatssekretär für Vorpommern der Landes-regierung MV, Iwona Kowalczyk, Leiterin des deutsch-polnischen Jugendwerkes (pl) und Jürgen Lippold, Landesvorsitzender der EUD-MV.

Der zweite Veranstaltungstag wurde zunächst von der Diskussion übergreifen-der grundsätzlicher politischer Fragen mit hoher Aktualität bestimmt. Hier waren es besonders Dr. Magierek, Politologe und Prorektor an der Humanistischen Fakultät der TU in Koszalin, und Prof. Dr. hab. Partacz, Prorektor und Dekan  an der gleichen Universität, die die Diskussionsgrundlage lieferten. Sie legten die Themen ihrer vorgesehenen Vorträge zusammen und trugen ihre jeweiligen Auffassungen in der Form eines lebendigen dialogischen Wechselgespräches vor. Sie konzentrierten sich auf das Ergebnis der letzten Sejm-Wahlen in Polen und deren Auswirkungen auf die Außenpolitik sowie auf mögliche Folgen, aber auch Erfordernisse für die deutsch-polnische grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Trotz einiger unterschiedliche Ansichten und Bewertungen waren ihre Ausführungen proeuropäisch. Sie verwiesen darauf, dass die Entwicklung von Partnerschaften immer auch von politischen Entscheidungen sowohl auf der nationalen als auch auf der europäischen Ebene abhängig ist. Einige Hemmnisse entstehen aktuell durch die Zunahme des rechten politischen Einflusses und durch wachsende Fixierung auf den Nationalstaat. Dadurch werden die europäische Einheit und das gemeinschaftliche Handeln gefährdet. Negativ wirkt sich in diesem Zusammenhang die entstandene Schwäche der gemeinsamen europäischen Außenpolitik aus. Probleme entstehen bei manchen Polen auch durch Befürchtungen wegen eines angeblichen zu großen Einflusses der Bundesrepublik, deren Vertreter die Ursachen der polnischen Politik nicht immer verstehen. Dadurch werden auch Ängste hinsichtlich der europäischen Entwicklung gefördert. Einig waren sich die beiden Redner darin, dass sowohl von Rechts- als auch von Linksaußen Gefahren für Europa als entscheidendes Friedensprojekt ausgehen, die abgewehrt werden müssen. Beide sahen es als Tatsache, dass die Mehrheit der Polen sich auch heute nicht von der Europäischen Union abgewendet hat.
Mit seinen konkreten Ausführungen über die „Deutsch-Polnische grenzüber-schreitende Zusammenarbeit aus der Sicht des Landes Brandenburg“ unterstrich der Vorsitzende der EUD des Landes Brandenburg, Wolfgang Balint, in eindrucksvoller Weise Notwendigkeit und Erfolgsaussichten der Realisierung weitere Partnerschaften von Städten und Vereinen.

Diesen zweiten Tag füllten in seinen letzten Stunden hoch interessante und überzeugend vorgestellte Informationen über spezifische Formen und Ergeb-nisse gemeinsamer Arbeit. Anneliese Knop gab einen konkreten Erfahrungsbericht zum „Deutsch-Polnischen Frauenrat“. Marta Tuliszka, Mitarbeiterin bei der Europäischen Sportakademie des Landes Brandenburg für internationale Zusammenarbeit, sprach in einem mitreißenden Vortrag über die „Rolle des Sports bei der Ausgestaltung von Partnerschaften“. Ebenso lebendig sprach der Vorsitzende der Deutsch-Polnischen Gesellschaft in MV, Klaus Wils, zum Thema „25 Jahre Deutsch-Polnische Gesellschaft in Mecklenburg-Vorpommern – eine gelebte Partnerschaft in der Region“. Abschließend würdigte Anna Rawska, Präsidentin ihres Vereins, zur „Geschichte der Zusammenarbeit des KTSK Koszalin mit der Europa-Union Mecklenburg-Vorpommern.

Der EUD-Landesvorsitzende Jürgen Lippold konnte der Zustimmung aller Anwesenden gewiss sein, als er eine positive Bilanz des Seminars zog. Er dankte allen an der Vorbereitung der Veranstaltung Beteiligten ebenso wie allen interessierten und engagierten Seminarteilnehmern.

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