Reflexionen zur 5. Ethiktagung zum Thema „Demokratie, Krankheit und Gesundheit in Zeiten der Pandemie“

Am 1./2. 09. 2021 veranstaltete der Verein Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse seine 5. Ethiktagung zum Thema „Demokratie, Krankheit und Gesundheit in Zeiten der Pandemie“, über die Ministerpräsidentin Manuela Schwesig die Schirmherrschaft übernommen hatte, die sich online an die Teil-nehmer wandte und dabei hervorhob, dass der „Lern- und GedenkOrt Alt Rehse“ eine Stätte ist, die zum Nachdenken anrege.

In  MV  und  anderswo habe es sich in der Pandemie gezeigt, dass alle an einem Strang ziehen müssen, um Erfolge zu erreichen. Fünf  Vorträge  beschäftigten  sich  mit  den  Teilthemen  der  Tagung.  Prof.  Dr.  M. Thießen aus Münster sprach über die „Geschichte der Pandemiebekämfung und des Impfens“, Prof. Dr. St. N. Willich, Berlin, griff „Sozialmedizinische Fragen zu Demokratie und Freiheit in Zeiten von Corona“ auf, Prof. Dr. S. Michel,  Berlin, stellte „Ethische Reflexionen zur Corona-Pandemie“ vor; Prof. Dr. L. Wieler, Berlin, Präsident des RKI, untersuchte „Das Verhältnis von Politik und Wissenschaft“ und Prof. Dr. B. Schneider, Köln, äußerte sich „Zum Umgang mit den psychischen Folgen der Pandemie“. Abgerundet wurde die Tagung mit einer Diskussion unter der Fragestellung „Lernen aus der Pandemie?“. In der Einladung zur Konferenz wurde u. a. gesagt: „Die Corona-Krise  ist  auch  insofern  ein  politisch  und  sozial  hochrelevantes Ereignis, als sie öffentlich mehr über die Verordnungen und Einschränkungen – auch  Versäumnisse  –  der  Politik  und  Verwaltung,  aber  weniger  als  Unglück wahrgenommen  wird.  Sie  wird  häufig  als  eine  Ungerechtigkeit,  eine  Störung des  Individuellen  und  gesellschaftlichen  Lebens  begriffen,  die  zu  verhindern oder auf die angemessen zu reagieren, durchaus möglich (gewesen) wäre. Nun können  Seuchen,  das  ist  historisch  vielfach  begründet  worden,  tatsächlich  als Indikatoren  staatlicher  Leistungsfähigkeit  dienen.  Es  stellt  sich  aber  die  Frage, welches  Handeln  noch  als  angebracht  (verhältnismäßig)  gelten  kann,  welche Spannungsfelder sich eröffnen.“ Der Schreiber dieser Zeilen verfolgte die durch kompetente Experten gestaltete Veranstaltung  online.  Es  soll  hier  kein  umfassender  Tagungsbericht  gegeben werden,  sondern  in  Anknüpfung  an  Inhalt  und  Verlauf  der  Konferenz  lege  ich Reflexionen  dar,  mit  denen  ich  persönliche  Gedanken  zu  einigen  Äußerungen sowohl aus den Referaten als auch aus Diskussionsbeiträgen vorstelle. Zunächst  eine Vorbemerkung.  Es  ist  sehr  positiv  zu  vermerken,  dass  in  den Referaten der Experten viele eindrucksvolle Fakten und Positionen vorgestellt wurden,  die  den  aktuellen  Diskussionsstand  zur  Pandemie  umrissen  und  den eigenen  Erkenntnisstand  bereicherten.  Es  ist  auch  völlig  normal,  dass  in  den Referaten  und  Diskussionsbeiträgen  kontroverse  Meinungen  sichtbar  wurden, die  beim  heutigen  immer  noch  begrenzten  Wissen  über  die  Corona-Varianten sicher noch über eine längere Zeit Stoff für Auseinandersetzungen sein werden.
Für mich sind einige der vorgebrachten Meinungen unbedingt zu hinterfragen.

Dazu meine Überlegungen: 
1. Mehrfach klang bei  Referenten und Hörern der Hinweis an, dass die durch  die Politik verfügten Coronamaßnahmen „unverhältnismäßig“ gewesen seien. Im Kern  geht  es  dabei  um  die  Frage,  ob  der  Staat  Freiheitsrechte  der  Bürger  einschränken  darf.  Zunächst  sollte  man  in  diesem  Zusammenhang  immer  berücksichtigen,  dass  in  dieser  Pandemie  mit  einem  vielfach  noch  nicht  ausreichend erforschtem Virus und seinen Varianten auch Fehler gemacht  werden können. Grundsätzlich  muss  jedoch  in  Rechnung  gestellt  werden,  dass  der  Staat  und damit seine politischen Vertreter zur Wahrnehmung von Verantwortung gegenüber dem Allgemeinwohl verpflichtet sind. Sowohl aus historischer als auch aus aktueller  Sicht  existiert  immer  ein  Spannungsverhältnis  zwischen  den  Staatsbürgern und dem Staat, dass Ausgewogenheit bei Entscheidungen erforderlich macht. Aber dem Staat das Recht abzusprechen, seiner Verantwortung gegenüber seinen Bürgern gerecht zu werden, führt zu einer unzulässigen Einengung staatlichen  Handelns.  Gerade  ein  solches  Denken  und  Handeln  führt  Gefahren für  die  Demokratie  herbei.  Der  Schritt  zur  daraus  erwachsenden  Gefahr  der Anarchie in Staat und Gesellschaft ist dann leicht getan.

2.  Immer wieder wurde das Argument gebraucht, z. B. bei der Diskussion um den „Impfzwang“, dass das einzelne Individuum in seiner Freiheit der eigenen Entscheidung nicht eingeschränkt werden dürfte. So fiel auch der Satz „Mein Körper  gehört  mir!“ Für mich ist eine solche Haltung ebenfalls ein unhistorisches Wahrnehmen der Rolle der Mitglieder einer Gesellschaft. Solange  Menschen  eine  Gemeinschaft  bilden,  wie  diese  auch  immer  aussehen mag,  existieren  Wechselbeziehungen  zwischen  den  Individuen  und  der  von
ihnen geschaffenen Gemeinschaft, durch die Regelungen des Gemeinschaftslebens entstehen. Somit hat die Freiheit eines jeden Individuums Grenzen  in  der  zu  beachtenden  Freiheit  der  Gemeinschaft,  ebenso  wie  das auch umgekehrt gilt. Wenn das individuelle Verhalten dem Gemeinwohl schadet,  wird  die  eigene  verfassungsgemäß  bestehende  Freiheit  missbraucht. Es kann im Gefüge Individuum-Gesellschaft keine schrankenlose Freiheit geben, sonst stehen wir wiederum an der Grenze zur Anarchie! 3. Auch  die  Diskussion  zur  Frage  von  pandemiebedingten  Schulschließungen, in der  immer  wieder  vorgebracht  wird,  dass  dadurch  langanhaltende,  vielleicht lebenslange psychische Schäden und Behinderungen der späteren Lebensentwicklung  entstehen,  scheint  mir  sehr  weit  hergeholt.  Ich  gehöre  zu der  Generation,  die  als  Kind  in  der  letzten  Kriegszeit  des  Zweiten  Weltkrieges, am  unmittelbaren  Kriegsende  und  in  der  anschließenden  Wiederaufbauzeit beträchtliche Einschränkungen hinnehmen musste. Ich habe so manche Kriegsereignisse, Zerstörungen, Krankheit und Tod und Heimatverlust wie unzählige andere ertragen müssen. Durch die Umstände ist meiner Generation mindestens  ein  ganzes  Schuljahr  verlorengegangen.  Aber  gerade  diese  Kriegs- und Nachkriegsgeneration hat den Beweis erbracht, dass man in seinem weiteren  Leben  sich  positiv  und  erfolgreich  entwickeln  konnte,  ohne  unter lebenslangen Depressionen leiden zu müssen! Auch in solchen Fragen lehrt uns also der historische Blick, dass wir auch in aktuellen Augenblicken nicht unzulässigen Übertreibungen verfallen dürfen, die uns dann tatsächlich deprimieren können. Abschließend  soll  noch  das  eingangs  erwähnte  Referat  von  Prof.  Dr.  Lothar Wieler,  dem  Präsidenten  des  RKI,  gewürdigt  werden.  Er  stellte  zunächst  Aufgaben und Arbeitsweise des RKI vor und erläuterte, wie die Empfehlungen des Instituts entstehen.  Er  warb  für  Vertrauen  in  die  Darstellungen  des  RKI  und auch der Stiko, der ständigen Impfkommission.  In sehr sachlicher und überzeugender Weise wies er die Verhältnismäßigkeit der bisher empfohlenen und von der Politik realisierten Anti-Coronamaßnahmen nach. Er bedauerte die mangelnde  Informiertheit  der  Öffentlichkeit,  die  übersieht,  dass  in  der  ersten Hauptwelle der Pandemie durch die getroffenen Maßnahmen aller Wahrscheinlichkeit  nach  etwa  800  000  Todesfälle  vermieden  werden  konnte. Grundsätzlich  gäbe  es  in  der  Bevölkerung  trotz  aller  Falschmeldungen  und Unterstellungen Zustimmung zu den getroffenen Schutzmaßnahmen. Professor Wieler hob die Bedeutung der zügigen Impfungen hervor. Nach seiner Auffassung  hätte  selbst  die  Verordnung  einer  Impfpflicht  vor  der  Verfassung Bestand.  In der Abschlussdiskussion der Tagung wurde unterstrichen, dass man in verschiedener  Hinsicht  Lehren  aus  dem  Umgang  mit  der  Pandemie  ziehen muss,  und  das  nicht  nur  in  Deutschland,  sondern  in  der  Europäischen  Union ebenso wie global. Man kann gespannt auf das im kommenden Jahr stattfindende 6. Ethikseminar in Alt Rehse sein! 

(Berichterstatter: Joachim Gasiecki)