Kommunikation der EU-Mitgliedstaaten beim Thema COVID-19 immer noch unzureichend

Alles wird gut; die Kommunikation sollte aber besser werden. Die EU-Länder erstatten der Europäischen Kommission immer noch nicht ausreichend Bericht über die jeweilige COVID-Lage vor Ort. Das torpediert die Versuche, einen einheitlichen Ansatz zur Bekämpfung einer zweiten Pandemiewelle zu formulieren.

„Wir bedauern, dass die Berichterstattung der Mitgliedsstaaten nicht in ausreichendem Maße erfolgt ist. Wir fordern die Mitgliedsstaaten daher dringend auf, uns über den aktuellen Stand der Dinge und jegliche Hilfe unterrichten, die sie benötigen könnten,“ betonte eine EU-Beamtin gegenüber EURACTIV.com

Während der ersten Welle in Europa habe der Mangel an Informationen über den tatsächlichen Bedarf in Verbindung mit der Tatsache, dass die meisten Mitgliedsstaaten auf eigene Faust handelten, zu einer fast unkontrollierbaren Situation beigetragen.
Aus Sicht der meisten Beobachter kam die Pandemie für alle überraschend, was erklärbar macht, dass die Nationalstaaten nicht vorbereitet waren und zunächst innerhalb der eigenen Grenzen reagierten.
Man könnte jedoch meinen, nach einer solchen ersten Welle hätte man dazu gelernt.

Sind die neuen Lockdowns anders als im Frühjahr?

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Obwohl die Kommission die Fortschritte begrüße, die im Hinblick auf einen gemeinsamen EU-Ansatz beim Thema Corona-Tests erzielt wurden, habe sie immer noch keinen Gesamtüberblick über die Test-, Kontaktrückverfolgungs- und Krankenhauskapazitäten der einzelnen EU-Mitgliedstaaten.

„Es kann nicht genug betont werden, dass die Mitgliedsstaaten weiterhin ihre Kapazitäten aufrechterhalten und ausbauen sollten, insbesondere in Bezug auf Tests und Kontaktrückverfolgung,“ erklärte die EU-Beamtin und betonte gleichzeitig die Wichtigkeit effizienter und zielgerichteter Kommunikationsstrategien: „Die Bürgerinnen und Bürger – einschließlich junger Menschen, die heute einen größeren Prozentsatz der COVID-19-Fälle ausmachen als zuvor – müssen verstehen, dass die Pandemie noch nicht hinter uns liegt.“

Deutliche Warnung

Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) veröffentlichte in der vergangenen Woche eine Risikobewertung, die in den EU-Hauptstädten für Aufsehen sorgte, da sie ein durchaus alarmierendes Bild der Situation in sieben Mitgliedsstaaten zeichnet, namentlich in Spanien, Rumänien, Bulgarien, Kroatien, Ungarn, der Tschechischen Republik und Malta.
In einem Kommentar zu dem Bericht forderte die EU-Kommissarin für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Stella Kyriakides, die Mitgliedsstaaten auf, so gut wie möglich vorbereitet zu sein. „Dies könnte unsere letzte Chance sein, eine Wiederholung des vergangenen Frühjahrs zu verhindern,“ warnte sie.

Zweite Corona-Welle hat Europa erreicht: 12 Länder mit sehr hohem Risiko

Zwölf Länder verzeichnen mit einem Wert von über 100 auf dem spanischen EPG-Index bereits ein sehr hohes Corona-Risiko. Dies bestätigt, dass sich die zweite Welle der COVID-19 Pandemie wieder rasant über den Kontinent ausbreitet.
In einem Interview mit EURACTIV.com im April hatte der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenar?i?, bereits kritisiert, einige Mitgliedsstaaten hätten fälschlicherweise geglaubt, sie seien ausreichend vorbereitet. Die Realität sehe aber anders aus.
„Niemand hat tatsächlich erwartet oder konnte erwarten, dass die Ausmaße dieses Virusausbruchs hier in Europa so gewaltig sein würden,“ räumte er zwar ein, erinnerte jedoch auch, dass die EU-Exekutive seit Januar Vorsorge- und Vorbereitungsmaßnahmen gegen eine mögliche Pandemie seitens der Nationalstaaten angemahnt hatte.

Kommunikation und Kooperation noch wichtiger

Experten gehen derweil davon aus, dass eine zweite Welle noch schwieriger zu handhaben sein dürfte, wenn die Mitgliedstaaten der Kommission nicht ausreichend Bericht erstatten, da ein zweiter harter Lockdown zur Verlangsamung der Pandemie für die Staaten offensichtlich nicht in Frage kommt.
„Wir haben kein allgemeines Bild von den Notfallplänen der Mitgliedsstaaten. Selbst diejenigen, die darauf vorbereitet sind, wissen nicht, ob diese Pläne ausreichen werden, um die Krise ohne einen weiteren Lockdown zu überstehen,“ warnte eine andere Insiderquelle aus dem Kommissionsumfeld.

Tourismus: EU will Reisewarnungen besser abstimmen

Die Europäische Union will dem Tourismusbeauftragten der Bundesregierung zufolge Grenzschließungen in der Coronavirus-Krise künftig vermeiden.
Unterdessen hatte die Kommission am 17. Juni einen gemeinsamen Beschaffungsprozess für „essenzielle Medikamente“ eingeleitet. Laut EURACTIV.com-Informationen sind daran zehn EU-Mitgliedstaaten sowie fünf weitere Länder beteiligt. Der Prozess umfasst Medikamente für die Intensivmedizin in sechs Bereichen (Analgetika, Antibiotika, Muskelrelaxantien, Anästhetika, Wiederbelebungsmittel und andere Arzneimittel).

Die Bewertung wurde inzwischen abgeschlossen und die Entscheidung über die Vergabe am 17. September unterzeichnet. So soll die Versorgung mit diesen wichtigen Medikamenten für schwerere COVID-19-Fälle sichergestellt sein. „Jetzt werden wir die Unternehmen über die Ergebnisse informieren; und wir erwarten, dass die ersten Lieferverträge bis Ende September unterzeichnet sind,“ so die EU-Quelle vor einigen Tagen.

Weitere gemeinsame Beschaffungsaktionen könnten jederzeit eingeleitet werden, wenn der Bedarf bestehe – und die Mitgliedsstaaten ihr Interesse bekunden.

[Bearbeitet von Zoran Radosavljevic und Tim Steins]
Von: Sarantis Michalopoulos | EURACTIV.com | translated by Tim Steins
30. Sept. 2020

 

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