Höhere Klimaziele: Mehr Moore, weniger Fleisch

Rund 14 Millionen Tonnen Treibhausgase müssen dafür in Deutschland eingespart werden, wo die Landwirtschaft offiziell für 6,3 Prozent der Emissionen verantwortlich ist. Ein Großteil ist Methan, den Kühe ausstoßen.

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, muss die Landwirtschaft reformiert werden. Rund 14 Millionen Tonnen Treibhausgase müssen dafür in Deutschland eingespart werden, wo die Landwirtschaft offiziell für 6,3 Prozent der Emissionen verantwortlich ist. Nun soll das EU-Klimaziel erhöht werden – welchen Anteil kann die Landwirtschaft leisten?

Oft muss die Landwirtschaft als Sündenbock der Klima-Debatte hinhalten. Nutztiere emittieren Methan, das unsere Erde erhitzt. Tierischer- und Mineraldünger sorgen für hohe Stickstoffüberschüsse im Boden. Monokulturen zersetzen CO2-bindende Humusböden, Moore trocknen aus.

Gleichzeitig gibt es in der Landwirtschaft auch großes Klimaschutz-Potential, sagt Gerolf Bücheler, Referent für Umweltpolitik und Nachhaltigkeit beim Deutschen Bauernverband (DBV). „Die Land- und Forstwirtschaft kann durch Humusaufbau, Holzprodukte und Bioenergie einen entscheidenden Anteil bei der Schaffung von Treibhausgas-Senken leisten“, so Bücheler bei einer Veranstaltung von EURACTIV.

Doch um diese Potentiale zu nutzen, müssen zuerst die real existierenden Herausforderungen verstanden werden, meint Martin Häusling, Agrarsprecher der grünen Fraktion im EU-Parlament. Der Agrar-Anteil an den deutschen Treibhausgas-Emissionen liege bei mehr als 6,3 Prozent, wenn die Folgewirkungen der konventionellen Landwirtschaft oder der Futtermittel-Importe dazurechne: „Ich glaube, wir betrügen uns da ein bisschen selbst.“

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Moore schützen - aber richtig

Entsprechend wichtig ist daher der Schutz der größten, natürlichen CO2-Senken wie Moore oder Humusböden. Solche Flächen müssen geschützt werden, „damit der Sektor sich selbst Senken schaffen kann“, sagt Margarethe Scheffler, Senior Researcher für Energie und Klimaschutz am Institut für angewandte Ökologie. Die Wiedervernässung von Mooren sei essentiell, doch es mangele noch immer an geeigneten Planungsinstrumenten und genügend Förderung.

Allerdings warnt Bücheler davor, hier über das Ziel hinauszuschießen. Die Wiederbewässerung von Mooren sei zwar ein wichtiger Beitrag zum Klimaschutz, aber „nicht so, dass Menschen da nicht mehr leben oder Landwirtschaft betreiben können.“ Sonst führe das zur weiteren Leerung der ländlichen Räume.

Reduzierung der Nutztiere ist unvermeidlich
Der mit Abstand größten Beitrag zur Eindämmung von Treibhausgasen könne aber nur die Beendung der Lebensmittelverschwendung sein, meint Martina Fleckenstein, Policy Manager für Food Practice beim World Wildlife Fund International (WWF). Der Fleischkonsum betrage in Deutschland noch immer die doppelte Menge als von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung empfohlen und müsse daher massiv reduziert werden.

Zwar müssten die Deutschen langfristig weniger Fleisch konsumieren, in erster Linie müssten die Tierbestände aber besser verteilt werden, betont Alois Gerig, CDU-Abgeordneter im Bundestag und dort und Vorsitzender des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft.

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Auf der technischen Seite könnten wiederum Biogasanlagen helfen, durch die Vergärung von tierischem Dünger Emissionen zu reduzieren und zugleich Energie zu erzeugen, meint Bücheler vom DBV. Dass das überarbeitete EEG dafür neue Anreize schaffe, sei begrüßenswert. Doch der grüne EU-Abgeordnete Häusling widerspricht: Biogasanlagen seien keine Dauerlösung, sondern dürften nur zur Restverwertung genutzt werden. Schon jetzt sei es besorgniserregend, dass 20 Prozent der Ackerflächen für Energiepflanzen genutzt würden.

Macht die Bio-Quote Sinn?
Dass die EU-Kommission in ihrer Farm-to-Fork-Strategie unter anderem eine feste Quote für ökologische Landwirtschaft von 20 Prozent bis 2030 anstrebt, sei hingegen auch keine Lösung zum Schutz der Böden, meint der Abgeordnete Gerig. „Dafür gibt es einfach keinen ausreichenden Markt“. Hilfreicher sei vielmehr die gezielte Förderung von Öko-Leistungen. Das sieht der grüne Abgeordnete Häusling anders. Außerdem „Können Landwirte doch nicht nur Umweltschutz betreiben, wenn man sie dafür bezahlt. Vieles von dem was sie tun, sollte selbstverständlich sein und wird am ersten Tag des Studiums gelehrt“.

Wichtig sei nun vor allem, dass „jetzt gehandelt wird“, so WWF-Managerin Fleckenstein. Mit der Farm-to-Fork-Strategie sei Brüssel auf dem richtigen Weg, doch allzu oft würde in der Politik zu zögerlich gehandelt. „Ich habe ein déjà-vu Erlebnis.“

 

Von: Philipp Grüll | EURACTIV.de

 

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