Europäische Agrarpolitik könnte laut Forschern Artensterben stoppen

Der Teufel steckt im Detail: Laut deutschen Forschern haben die Agrarsubventionen der EU das Potential, den Verlust von Artenvielfalt zu stoppen – doch je nach Ausgestaltung könnte es den Maßnahmen an Schlagkraft fehlen.

Im Vorfeld der aktuellen Verhandlungen zur Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU hat ein Team aus Wissenschaftlern mehrerer deutscher Forschungsinstitute Empfehlungen vorgestellt, um die vorgeschlagenen Umweltmaßnahmen in der GAP – die sogenannte Grüne Architektur – in Sachen Artenschutz effektiver zu machen.

„Ob die Grüne Architektur wirkungsvoll die biologische Vielfalt schützen und fördern kann, hängt sehr von den Details ab — also, wie viel Schlagkraft ihren Instrumenten beigemessen wird“, so Guy Pe’er, Hauptautor des Berichts, in einer Konferenz.

Die Studie war in Zusammenarbeit mit der europäischen Kommission entstanden.

Agrarkommissar Janusz Wojciechowski begrüßte im Rahmen der Konferenz den Bericht.

“Was die GAP und Biodiversität angeht, würde niemand behaupten, unsere Arbeit sei bereits getan,” so Wojciechowski in seiner Eröffnungsrede. Er betonte, die GAP müsse “effektiv und effizient dazu beitragen, Nachhaltigkeit zu verbessern – ökologisch, wirtschaftlich und sozial gesehen”.

Gleichzeitig wies er jedoch darauf hin, dass in manchen Regionen Biodiversität ebenso stark davon bedroht sei, dass Höfe ihr Geschäft aufgeben und Land brach liegt, wie von intensiver Landwirtschaft.

“Die GAP muss sicherstellen, dass Landwirtinnen und Landwirte davon leben können, im Einklang mit der Natur zu arbeiten,” so Wojciechowski.

Das EU-Parlament, der Ministerrat als Vertreter der EU27 und die Kommission verhandeln diese Woche über die zukünftige Ausgestaltung der EU-Agrarsubventionen, in der letzten Runde des Trilogs zur geplanten Agrarreform.

Zur Debatte in Sachen Biodiversität steht unter anderem eine erweiterte Konditionalität – Anforderungen im Bereich Tierwohl und Umwelt, die Landwirtinnen und Landwirte erfüllen müssen, um GAP-Zahlungen zu erhalten.

Um einen Teil der Direktzahlungen an zusätzliche Umweltmaßnahmen zu knüpfen, sollen außerdem “Öko-Regelungen” eingeführt werden, die den Mitgliedstaaten wesentliche Freiheiten darin lassen würden, welche landwirtschaftlichen Praktiken sie als ökologisch wertvoll definieren.

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass diese Maßnahmen zwar einen Beitrag zum Artenschutz leisten könnten, hierzu aber sorgfältig gestaltet und umgesetzt werden müssten. Außerdem müsse der neuen Agrarpolitik ein ergebnisorientierter Ansatz zugrunde gelegt werden.

„Die Öko-Regelungen können zu einem sehr wirksamen Instrument werden. (…) Das Geld bringt allerdings nur etwas, wenn damit effektive Maßnahmen verknüpft sind,” so Guy Pe’er.

Kommissar Wojciechowksi pflichtete den Forschern bei und forderte ebenfalls eine ergebnisorientierten Herangehensweise an Maßnahmen zur Biodiversität.

“Das muss Realität werden, und nicht nur Versprechen bleiben. Das bedeutet, dass wir gute Kennzahlen und starke Systeme zu deren Überwachung brauchen,” sagte er.

Wojciechowksi wies auch auf das hohe Maß an Flexibilität hin, dass die Öko-Regelungen den Mitgliedstaaten lassen.

“Selbst wenn wir im Trilog eine politische Einigung erreicht haben, wird die Arbeit an der Zukunft der GAP nicht beendet sein,” erklärte er. Es sei wichtig, sicherzustellen, dass nationale Politiken tatsächlich zur Verbesserung der Biodiversität beitragen.

“Wir müssen hohe Mindestansprüche an die Höhe der Ausgaben für Umwelt und Klima in den nationalen GAP-Strategieplänen stellen,” fügte er hinzu.

Auch die Wissenschaftler betonten die zentrale Rolle, die die Mitgliedstaaten in der neuen GAP, und vor allem in der Ausgestaltung der Öko-Regelungen, spielen werden.

“Es kommt nun also darauf an, ob und in welchem Maße die Staaten wirklich den Naturschutz fördern wollen,” so Sebastian Lakner, Co-Autor der Studie.

Einige der Maßnahmen, die Staaten in den Katalog umweltfreundlicher Praktiken aufnehmen wollen, tragen für Lakner nur bedingt zur Biodiversität bei.

“‘Precision Farming’ zum Beispiel erzielt zwar positive Umwelteffekte, ist aber de facto Technologieförderung für große Agrarbetriebe, die diese Technologie eigentlich aus wirtschaftlichem Eigeninteresse einsetzen,” sagte er.

 

Von: Julia Dahm | EURACTIV.de, 26. Mai 2021

 

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